Auf ins Grüne! Elf Tracks über Pflanzen, Tiere, “Wunder der Natur” – Dominik Eulberg unternimmt eine von Kreativität und Spiellust überbordende Entdeckungsreise und produziert ein unbeschwertes, vielschichtiges Album, das sich als Soundtrack für den Sommer wärmstens empfiehlt.
Dominik Eulberg: Diorama
Dominik Eulberg: Diorama(Traum / Rough Trade) 06.05.2011
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Spätestes nach drei Tracks wähnt man sich irgendwo mitten in den 90ern. So bunt, so fröhlich, so unbeschwert und irgendwie auch so naiv (im besten Sinne) klingt Techno ja mittlerweile eher selten. Weg mit dem ganzen Minimal-Kram, her mit allem, was die Elektronik-Kiste hergibt. Her mit Bildern, Hymnen, Beats, die abgehen, und Frickeleien, die sich im Detail verlieren – her mit Hunderten von Spuren, die zusammen eine Musik von überbordender Spielfreude, mitreißender Energie und größtmöglicher Tiefenwirkung ergeben.
Das klingt zwischendurch ebenso weit, leicht und psychedelisch wie Orbital in ihren besten Jahren. Nur viel viel besser. Und manchmal genauso unglaublich wie Aphex Twin. Dabei versucht sich Dominik Eulberg auf seinem neuen Longplayer Diorama an etwas ziemlich Gefährlichem: der Darstellung (Imitation? Nachahmung? Illustration?) von Natur mit musikalischen Mitteln.
Ist das jetzt Debussy, oder was?
Anders als etwa bei Pantha du Prince ist das hier aber kein romantisches Unterfangen, ist Eulbergs Haltung nicht reflektiv, geht der Blick nicht nach innen. Im Gegenteil: Grundprinzip der Eulbergschen Entdeckungsfreude ist die Naivität, die Neugierde, das Spiel. Was eine Begeisterung auslöst, die sich mit jedem Takt überträgt. Wow, so bunt und verwandlungsfreudig ist unsere Welt? Hier geht es nicht um bloße Nachahmung – bei Diorama handelt es sich um eine wirkliche Entdeckungsreise. Diese Platte ist sowas wie eine Klassenfahrt auf das Feld vor der Stadt. Während man Pflanzen identifiziert und Tiere beobachtet, geht es gleichzeitig in jedem Moment darum, den eigenen Kosmos zu bereichern, die Wahrnehmung zu erweitern und: Spaß daran zu haben.
Ein buntes, sehr detailreiches Diorama findet sich nicht nur auf dem Album-Cover – zum quirligen, wahnwitzigen Leben erweckt wird es in der Musik. Entsteht Bewegung im klassischen Diorama durch den Wechsel der Beleuchtung, sind es hier die vielfältigen musikalischen Mittel (und die Hunderten von Spuren), die das Bild kontinuierlich verändern. Eulberg betont, dass die Grundlage der elf Tracks tatsächlich die namensgebenden “Naturwunder” waren:
Mir fällt es einfacher, wenn ich einen Blueprint im Kopf habe, an dem ich mich festhalten kann. … Ich versuche klare Gefühle darzustellen, die ich oft in der Natur finde, und male dann akustische Bilder. Ich bin ein Mensch, der in der Natur sehr intensiv fühlt.
Auch wenn die Songs ebenso ohne Liner Notes funktionieren, empfiehlt sich ein Besuch auf der wirklich schönen Webseite von Dominik Eulberg, wo sich neben vielem anderen kurze Texte zu den 11 Wunder der Natur finden – kurze Bildbeschreibungen, die die Brücke zwischen Musik und Natur schlagen. Man liest von Blumen, die sich als Bienen tarnen (Taeuschungs-Blume), von Bärtierchen (Teddy Tausendentod) und verwandlungsfähigen Fischen (Neunauge), von Ameisen, Glühwürmchen, Mauerseglern.
Es ist natürlich ein ganz eigener Spaß, nach Spuren der beschriebenen Naturwunder in den Tracks des Dominik Eulberg zu lauschen. Der Kurzschluss zwischen dem Fisch, der nach Jahren als Wurm plötzlich anfängt zu schwimmen, und dem Rave, der die zweite Hälfte von Neunauge zum Leuchten und Abheben bringt, ist nicht nur naheliegend, sondern tatsächlich erhellend. Erlebt man doch einen normalerweise nur von außen beobachtbaren Vorgang in einer treffenden Übersetzung für das eigene Bewusstsein. Raven, Fliegen, Schwimmen – ist das nicht alles derselbe Gefühlszustand?
Gleichzeitig sorgt Eulberg mit seiner überbordenden, intensiven Musik dafür, dass man die Texte und ihre Analogien nach wenigen Augenblicken vergessen hat – man lauscht ja so schon entzückt, ungläubig und glücklich. Der Begriff des Dioramas ist von daher ganz treffend: Auch das will einem ja vormachen, dass man Dinge, Menschen, Tiere sieht, während man doch eigentlich vor allem seiner eigenen, illusionsverliebten Wahrnehmung bei der Arbeit zuschaut. Hat man dabei dann so richtig Spaß, darf man auch noch feststellen, dass das Bild / die Musik auf etwas verweist, das sich kennenzulernen lohnt. Da fängt der Spaß dann richtig an.
