07. Oktober 2011
Erased Tapes / Indigo
Die Musik des 1982 geborenen Nils Frahm hat hier ja schon einmal zu philosophischen Höhenflügen inspiriert. Während das Debut Wintermusik die gedankliche Klarheit einer kalten Winternacht atmete, in der das Kleinste das Größte zu spiegeln vermochte, klang der teilweise in der alten Berliner Grunewaldkirche aufgenommene Nachfolger The Bells so groß und gewaltig, dass man an Pärt oder gar Bach denken musste und mit solcherlei Gedanken ziemlich schnell in Transzendenz und Metaphysik landen konnte.
Wie sich das für so einen Dreischritt gehört, folgt aus These / Antithese die Synthese: so betrachtet, begibt sich Frahm mit Felt auf das Gebiet der Phänemenologie. Weg von den großen Fragen, hin zu den sinnlichen Details, dem fühlbaren Widerstand, dem Undenkbaren in der Wirklichkeit.
Als ob das nicht auch vorher schon in der oft durch Improvisation entstehenden Musik Frahms zu hören gewesen wäre – auf dem 2011er Album rücken Zufall und Material aber mal so richtig ins Zentrum. Das titelgebende Filz ist dabei unweigerlich ein leises Kopfnicken in Richtung eines gewissen Joseph Beuys, was auch ästhetisch durchaus Sinn macht.
Ursprünglich wollte ich meinen Nachbarn mit dem gedämpften Klavier einen Gefallen tun; wenn ich in der nächtlichen Stille spielen möchte, ist die einzig rücksichtsvolle Möglichkeit, das Klavier mit Filz zu versehen und mit behutsamen Fingern zu spielen. Dadurch entdeckte ich, wie schön mein Klavier gedämpft klingt. Ich hörte mein eigenes Atmen und Schnaufen, das Scharren der Klaviermechanik und jedes Ächzen meines Holzfußbodens mindestens so laut wie die Musik. Die Musik wird zum Zufall in all dem Geraschel oder eben umgekehrt. Mir geht das Herz auf und ich frage mich, was mich daran so glücklich macht. Meine Kopfhörer werden zum Mikroskop und lassen mich in die Welt der unhörbaren Laute tauchen,
so wird Nils Frahm zitiert.
Wie aus der Kinder- oder Studierstube
Im Halbdunkel und in der Enge aufgenommen, suchen kleine Melodien, Bruchstücke nur, ihren Weg durch den Staub. Zwischen den Tasten und der Mechanik, zwischen dem Filz und dem Staub entstehen kleine mitternächtliche Pirouetten (das Licht wirft natürlich der Mond – oder maximal eine Kerze), kleine Studien in Sachsen Existenz und Zeitlichkeit, bevor die Töne zwischen Teppich, Bücherbord und Hinterhoffenster flüchtig werden.
Felt ist nicht nur ein sinnliches Album, das im wahrsten Sinne aus dem Staub heraus Poesie erschafft; es ist noch dazu unglaublich freundlich und optimistisch. Es zeigt, dass Melancholie auch nur eine Spielart von Fröhlichkeit ist – die nach innen gewandte, sozusagen. Der Opener Keep treibt sich mühelos selbst an und das Offene vor sich her; Familiar ist so anheimelnd und wärmend, wie es der Titel verspricht. Das Geheimnis dieser Platte liegt im Kleinen, Winzigen – Snippets sind die Stücke allesamt, kurze Skizzen mit der Schönheit des Fragmentarischen, die hier zu leben und zu schillern und zu klingen beginnen…
Frahm hat für Felt die Mikrofone im Klavierkorpus positioniert. Und da sitzen nun wir, die Hörer: in der Enge des Klavierkörpers zwischen sich bewegendem Holz, schabender Mechanik, quietschenden Pedalen und dem Atmen des Pianisten.
Die Distanz zwischen Spieler und Hörer wird auf ein Minimum reduziert,
so Christoph Möller. Das Gigantische ist: Mit jedem Hören öffnet sich der an sich recht enge Raum, in den wir zusammen mit den Tönen gepresst sind, ein Stück mehr. Und es dauert nicht lang, da wird aus dem Klavier-Inneren die ganz große Bühne und kurz darauf das ganze dunkle All; und jeder Ton ist ein Ereignis in der überwältigenden Schönheit dieses Raums.
Wo der Staub tanzen kann, und sich die Mauern verschieben: willkommen im Inneren der Musik.
