Es beginnt mit einem flachen Pfeifton, irgendwo in der Ferne geistern Geräusche, Stimmen durch den Raum. Ein leiser Auftakt zu einem Album, das – Ende 2011 nach enorm kurzer Produktionszeit erschienen – schon jetzt für das Album des Jahres 2012 kandidiert. Undun, das 13. Studioalbum der Hip-Hop-Urgesteine The Roots, haut einen mit seiner Wucht, seinem Sound und seiner Perfektion nicht nur um-, sondern schnell auch mal aus dem eigenen Alltag raus.
Rückwärts wird die Geschichte des Redford Stephens erzählt: Das EKG am Anfang markiert das Ende, von dem aus natürlich jeder Rückblick mit enormer Bedeutung aufgeladen wird. Der Mann, von dem dieses Konzeptalbum erzählt, ist von Beginn an tot.
like when autumn leaves fall
down from the trees
there goes my honey bee
i’ve lost a lot of sleep to dreams
and i do not miss them yet
i wouldn’t wish them on the worst of enemies
let them burn, go from here
like when autumn leaves
Auf der Reise in die Vergangenheit des Redford Stephens gelingen der Band aus Philadelphia jede Menge existenzieller und aufrüttelnder Momente. Nicht zuletzt weil die Tugend der Roots immer mehr darin besteht, sich nicht um Genre-Grenzen zu kümmern, ist Undun gekennzeichnet von einer Dringlichkeit, die weit über das hinaus geht, was man normalerweise von Pop-Musik erwartet.
Undun hat das Zeug dazu,
einem den eigenen Alltag gehörig durcheinander zu wirbeln.
Mit reduziertem, melancholischem Hiphop beginnend, bäumt sich die Musik in den knapp 40 Minuten Laufzeit auf, spielt sich die eh in Hochform befindliche Band frei zu großem Pop, der von gehörig groovendem Hiphop ebenso geerdet ist wie von jeder Menge Soul. Das ganze ist so dicht produziert, dass man kaum merkt, wie schnell das Album zu seinem Ende kommt: „Life is only a moment in time and it passed by“.
I‘m aside suicide
Heads or Tails
Some think life is a living hell
Some live life just living well
I live life tryna tip the scale
My Way, my way
Schon auf dem grandiosen 2010er Album How I Got Over tilgten The Roots jede Menge vermeintliche Grenzen auf der musikalischen Landkarte, wenn sie u.a. mit Joanna Newsom oder den Monsters of Folk kooperierten. Während sie nebenbei die eigenen Wurzeln pflegen (auf dem ebenfalls 2010 erschienen Album mit John Legend oder dem parallel zu Undun produzierten The Movie mit Betty Wright), verbinden sie in ihrer beispiellosen Produktivität permanent Sampling und Respekt – Undun nahm seinen Ausgang mit einem Stück des Songwriters Sufjan Stevens, das auf dem Album auch vertreten und Ausgangspunkt der Redford Suite ist.
Auf The Movie ist übrigens auch die Original-Komposition von The OtherSide zu hören. Im direkten Vergleich zu Baby Come Back auf Betty Wrights Albums zeigt sich so richtig, wie kompromisslos, direkt und präsent The Roots auf Undun agieren; der gleiche Song im nur wenig geänderten Arrangement gewinnt derart an Druck und Brisanz, dass sich alle anderen Fragen für einen Moment erübrigen. Große Musik mit der Kraft, Leben zu verändern.
