Andreas Reihse: Romantic Comedy
Tolouse Low Trax: Jeidem Fall

Andreas Reihse: Romantic Comedy (Cover)

Andreas Reihse:
Romantic Comedy

18. November 2011
m=minimal / Rough Trade

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Tolouse Low Trax: Jeidem Fall (Cover)

Tolouse Low Trax:
Jeidem Fall

17. Februar 2012
Karaoke Kalk / Indigo

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Das Phänomen des Loops ist ja schon zu allerlei akademischen und essayistischen Ehren gelangt. Natürlich: so wie sich einst die Struktur des fünfaktigen Dramas als Modell zur Welterklärung und Menschendarstellung anbot, bietet sich angesichts der anhaltenden Dialektik von Moderne und Postmoderne, Aufklärung und Romantik ordentlich Zeit für die Beschäftigung mit dem, was der menschlichen Zeitwahrnehmung eingeschrieben ist wie nur etwas: dem Loop eben. Nicht nur die Uhr läuft rund, auch die Jahres- und Tageszeiten schließen sich zuweilen zu Kreisen. So wie das Leben zwischen Geburt und Tod.

Nachts gehen wir im Kreise und
werden vom Feuer verzehrt.

Ob bei Guy Debord oder Georg Büchner: Das Gefangensein im Loop ist gleichermaßen Flucht und Ankunft, endloses Getriebensein und vollkommenes Bei-sich-Sein. Weil er quer zu jeder rationalen, zielgerichteten Erzählung oder Strategie steht, drängt sich der Loop, diese Grundfigur der elektronischen Musik, zur Etablierung einer „Gegenwelt“ immer noch (oder gerade jetzt) auf.  Diedrich Diederichsen hat dazu in seinem Essay-Band Eigenblutdoping. Künstlerromantik und Selbstverwertung sehr viel Lesenswertes geschrieben.

Jenseits der akademischen Ehren und der intellektuellen Bedeutungsproduktion ist der Loop zwar unentwegt in Benutzung und hat das klassische Strophe Refrain-Schema des eingängigen Pop-Songs ordentlich in seine Schranken gewiesen – die Minimalfigur des Pop glänzt in der Musikproduktion der Gegenwart dennoch mit Unsichtbarkeit und gibt den Ungreifbaren. Mit gleich zwei Platten kann man das „Wesen“ des Loop nun am eigenen Leib (oder Geist) – ganz losgelöst von allem intellektuellen Bemühungen – erfahren.

Zwei Mitglieder der Band Kreidler legen kurz hintereinander Solo-Alben vor, die im Grunde aus nicht viel mehr als aus ein paar Loops bestehen. Das stimmt natürlich nur halb, aber dennoch: Beide Alben sind so minimalistisch, dass nichts den Fokus auf die ewig gleichen Rhythmus-Patterns verstellt. Das Ergebnis ist in beiden Fällen: Grandios. Mit so wenig Bewegung als nötig wird hier so viel als möglich aus dem Augenblick herausgeholt. In der ewigen Verlängerung, die der Moment in den Endlos-Schleifen bei Tolouse Low Trax und Andreas Reihse erfährt, richtet sich die Aufmerksamkeit ganz auf einen selbst – oder das, was da hinter einem, durch einen hindurch noch so aufscheint.

Der kurze Weg in die Welt

Reihse entpuppt sich auf seinem, mit nur 5 Songs auf immerhin 40 Minuten Spieldauer kommenden Album als Meister der Dramaturgie: Wie man mit endloser Repetition und minimaler Variation so weit gelangen kann, lässt einen staunend und widerstandslos vor den Lautsprechern zurück.

Mit Johnny Hairo startet Reihse inmitten eines, sagen wir, leicht aus dem Häuschen gebrachten Clubs, um dann mit einer Minimal-Krautrock-Variante eines 70er-Jahre-TV-Soundtracks auf globale Befreiungstour zu gehen – und siehe: vom Langen Weg nach Düsseldorf ist es nicht mehr weit bis zur Hacienda Dallesandro. Nur ein paar Umdrehungen weiter, und der rappelvolle Klub irgendeiner x-beliebigen deutschen Metropole feiert voller Anmut und Präzision irgendwo unter freiem Südsee-Himmel weiter. Mit an Bord: die Power einer generalüberholten Neuauflage von Kraftwerk, verstärkt durch eine unübersichtliche Anzahl von Live-Percussionisten. So überzeugend kann der Kurzschluss von Pop- und Weltmusik klingen, so einfach und schön kann es sein, zu den eigenen (fremden) Wurzeln zu gelangen.

Ab in die Tiefe

Detlef Weinrich aka Toulouse Low Trax treibt die Monotonie gleich noch ein Stück weiter und auf die Spitze, hinter der dann nur noch das Nichts kommen kann. Soweit wenig Neues auf Jeidem Fall. Wie gehabt pumpen und dröhnen die Maschinen-Sounds, wie gehabt stampft der sich selbst gleich bleibende Rhythmus durch die Nacht.

Alles wie immer? Keinesfalls: Weinrich, der mit wenig mehr als ein paar Synthesizern einen  abstrakten, ort- und zeitlosen Kosmos erschafft, legt den Fokus auf die kleinen Variationen. Und so entsteht in fast stoischem Gleichmaß eine magische, hypnotische Platte, die einen nicht nur in den Bann, sondern – auf ganz andere Weise als Romantic Comedy – in die eigene, beseelte Tiefe zieht. Da unten, wo die Welt zum Stillstand und die eigenen Grenzen ins Fließen kommen, wo die Stimmen nur geisterhafte Echos ihrer selbst sind, wird es so richtig spannend.

Wie schon mit ihrer Hausband Kreidler zeigen Weinrich und Reihse auf beeindruckende Weise, welche Kraft und Schönheit in der Reduktion stecken. Und welche Möglichkeiten. Vorsicht: Loops in dieser Konsequenz und Perfektion bergen die Gefahr, ähnlich wie manche Drogen an der Wahrnehmungsschraube zu drehen!

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