Sinéad O‘Connor: 

How About I Be Me (And You Be You)?

Sinéad O'Connor: How About I Be Me (Cover)

05. März 2011
One Little Indian / Rough Trade

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Halten wir noch einmal und nur ganz kurz inne, um uns zu fragen, was einem so in den letzten zwanzig Jahren zu Sinéad O‘Connor in den Sinn kam: ein zerrissenes Papstfoto, Publikumsbeschimpfungen, das eine oder andere öffentliche Outing, die mehrmalige erklärte Abkehr vom Musik-Business (bis hin zum Theologie-Studium), mehrere Hochzeiten und fast ein Todesfall, zuletzt eine rekordverdächtig kurze Ehe von 16 Tagen, und dazwischen? Ein wenig Reggae und den ein oder anderen Folk-Song, was aber nur noch die Eingeweihten erreicht haben dürfte.

Eigentlich aber fällt einem bei Sinéad O‘Connor immer dieses unglaubliche Prince-Cover ein, dieser eine Song, der über allem schwebt, was diese Frau getan hat. Ein Hit wie Nothing Compares 2 U hängt über anderen Karrieren  wie ein Damoklesschwert, hier aber:  Nichts da, Fehlanzeige. Karriere, was soll das?

Das Album, auf dem jener Smash-Hit 1990 veröffentlicht wurde, trug den Titel I Do Not Want What I Haven‘t Got, was man im Rückblick fast als Warnung auffassen mag. Dieser Satz ist mit dem bekanntermaßen auf allerlei Versprechen angewiesenen Pop-Business in etwa so vereinbar wie ein zügellos hedonistisches Leben mit der Einkehr auf dem Mont Baldy, und dieser Satz war, das wurde in den letzten zwanzig Jahren bis zur Erschöpfung gezeigt, ernst gemeint. Wie jedes andere Wort auch, das aus dem Mund dieser Frau kam.

Punk, Hip Hop und Bob Dylan - das waren die nur schwer verträglichen Zutaten, mit denen Sinéad O‘Connor in den 80ern ihre eigenständige Mischung aus Folk, Pop und gutem Songwriting würzte.  Songs wie Black Boys on Mopeds oder Feel so Different treiben einem heute noch ob ihrer Schlichtheit und Intensität die Tränen in die Augen oder die Gänsehaut auf den Rücken. Intensitäten, Unmittelbarkeit und ein radikal persönliches Erleben, das sich allen Vereinnahmungen, seien sie politischer, religiöser oder eben kommerzieller Natur, entzieht: das ist der Stoff der Sinéad O‘Connor. Auf dem frühen Höhepunkt ihrer Karriere führte sie ihre Wanderung entlang der Grenzen der Pop-Kultur zielsicher ins Zentrum des Pop-Business. Die letzten 20 Jahre zeigten dann die Fortsetzung dieser Gratwanderung, meist auf der anderen Seite der Grenze. Den trotzigen, naiven und teils halt wirklich sehr persönlichen Kämpfen der Künstlerin folgte, teils vielleicht auch zu Recht, nur noch eine Minderheit.

Nun: 2012 meldet sich die Sängerin in Hochform im Diesseits des Pop zurück. Auf How About  I Be Me (And You Be You) gelingt ihr ein beeindruckendes und sehr agiles Comeback. Da ist sie wieder: diese fordernde und zugleich ganz nackte, zerbrechliche Stimme. Und die Musik, die alles sein kann, nur nicht belanglos.

Sinéad O‘Connors bis dato vielleicht kraftvollstes, stärkstes Album startet mit dem zuversichtlich shuffelnden Folk-Rock von 4th and Vine, kommt von der Ballade (Reason With Me) mühelos zum mitreißenden Pop-Song (The Wolf is getting married, Back Where You Belong) und dann zurück zum an die Schmerzgrenze gehenden Songwritertum von Queen of Denmark und dem bis aufs Äußerste reduzierten (Anti?-) Folk-Song V.I.P.

Persönlichkeit und radikale Subjektivität gibt es bei Sinéad O‘Connor wie immer inklusive, das Gefühl, sich nur die Zeit zu vertreiben, kommt glücklicherweise in keiner Sekunde auf. Halten wir also mal etwas länger inne und vergessen staunend und beglückt, was wir in den letzten zwanzig Jahren alles über diese Frau gehört haben.

Your smile makes me smile
Your laugh makes me laugh
Your joy gives me joy
Your hope gives me hope

PS. Als ginge es bei Sinéad O’Connor nicht ohne Unberechenbarkeit, wurde der eigentlich für den 20. Februar angesetzte deutsche Release-Termin dann doch noch einmal verschoben. Bis auf weiteres gibt es das hörenswerte Album allerdings hier im Stream.

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